Dublin, meine Studienstadt

 

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meine Erlebnisse - Abbild einer Sinus-Funktion

Zunächst wünsche ich allen, denen ich das noch nicht persönlich wünschen konnte, eine frohe, gesegnete Osterzeit. Mittlerweile ist auch in Irland der Frühling so richtig ausgebrochen und es herrschen hier Temperaturen, die der irische Sommer wohl auch nicht mehr toppen wird. Wer allerdings den kontinentalen Sommer kennt, würde nicht in kurzen Hosen durch die Gegend rennen.... schließlich gibt es hier ne "natürliche" Temperaturobergrenze von so ca. 20°C.

Aber nun zu meinen Erlebnissen: Wer mich schon seit ein paar Jahren kennt, weis dass ich als Organist in der Karwoche relativ beschäftigt bin - das hat sich hier in Irland nicht grundlegend geändert, allerdings war meine Hauptbeschäftigung etwas nach vorne gezogen. So gab es unter der Woche die Proben zur Choraufführung des "Deutschen Requiems" von Brahms in St.Patrick's, der größten Kirche Irlands. Als kleines Bonbon gab es vor den Proben, die auch schon in der Kirche stattfanden, Zugang zum Glockenstuhl dieser ehrwürdigen Kathedrale, ein Ort, an den Touristen im Normalfall niemals hinkommen. Als Sahnehäubchen dazu durfte man noch einer englisch/irischen Tradition beiwohnen - dem kunstvollen Glockengeläut, das hier immer noch mit den Glockenseilen "gespielt" wird - so wie früher die Ministranten bei uns - allerdings deutlich kunstvoller und v.a. mit System. Die Chorproben in der Kathedrale selbst waren dann doch eher ermüdend, aber gut - wer schön singen will, muss halt auch dreistündige Chorproben im Stehen erdulden.

Gelohnt hat es sich allerdings! Am Karfreitag Abend war die Kirche rappelvoll (offiziell 1200 Zuhörer) und die Aufführung hat mir wirklich ein unvergessliches Erlebnis beschert, auch wenn das Requiem, wie mir sicher erfahrene Chorsänger bestätigen können, sehr kraftraubend ist (v.a. in den hohen Stimmlagen). Erfüllt von diesem genialen Konzert bin ich quasi nach Hause durch die fast menschenleere Stadt geschwebt. Menschenleer, nicht weil das Konzert so spät endete, nein, sondern weil am Karfreitag hier nicht nur das "Tanzverbot" herrscht, sondern auch alle Pubs und Kneipen geschlossen haben. Nur ein paar verzweifelte Touris waren zu sehen.

Noch im geistigen Nachklang dieses Konzerts habe ich dann auch hier eine Osternacht besucht... und dort folgte der musikalische Absturz. Während ich dem Kantor noch zu Gute halte, dass man ihn vielleicht erst wenige Minuten vor dem Gottesdienst mit den Psalmen und Vorsängerpassagen betraut hat (und das sind in einer kath. Osternacht nicht gerade wenige...), war der Organist eine Totalkatastrophe. Wer es schafft, bei Gemeindeliedern sowohl die Gemeinde als auch den Vorsänger am Mikro rauszukegeln, verdient im Nachhinein schon wieder Respekt, der dann sich sofort wieder auflöst, wenn man bedenkt, dass der gute Mann, der Musik am Trinity College im 2.Jahr studieren soll, einfach nur versucht hat, einen vier-stimmigen Satz zu spielen, und sich nicht in irgendwelchen interessanten Harmoniefolgen verstrickt hat. Ich glaube, wenn das das generelle musikalische Niveau in Irland ist, würde man quasi der Hälfte aller deutschen C-Organisten einen Mastertitel honoris causa zuerkennen. Wenigstens konnte der Vorsänger einigermaßen sein "Ave Maria" trällern, das sich der erwachsene Täufling der Osternacht gewünscht hat - wenn man den Störfaktor Organist ausblendet... eine helfende Unterstützung war es auf jeden Fall nicht, was auch die freundlichen Blicke aussagten, die nach dem Gottesdienst zwischen den beiden ausgetauscht wurden.

Von Ostersonntag bis zum Freitag der Osterwoche hatte ich dann (wohl zum letzten Mal) Besuch aus der Heimat. Mit meinen Eltern ging es nach Howth (wohin geht man auch sonst mit Irland-Neulingen), Dun Laoghaire und natürlich zu den Sehenswürdigkeiten. Glücklicherweise gab es in dieser Woche gab es in dieser Woche berauschendes Wetter (kein Regen und bis auf einen Tag fast blauen Himmel und Sonnenschein), was dazu führte, dass sich meine Elternschaft doch tatsächlich einen Sonnenbrand geholt haben (net schlimm - aber wenn man erzählt, dass man die Bräune von der irischen Sonne abbekommen hat, schaut der gemeine Deutsche erst einmal verwirrt).

Nach der österlichen Orgeldemontage habe ich dann am Weißen Sonntag wieder selbst in die Tasten gegriffen. Anlass war die Konfirmation von acht Jugendlichen in "meiner" Gemeinde. Allerdings habe ich da auch mit ein bisschen Wehmut gespielt, denn es war wohl der letzte Orgel-Auftritt von mir in Irland. Aus diesem Grund hatte ich dann mal wieder in mein Orgelschatzkästchen gegriffen und erstmals "Fiat Lux" von Th.Dubois zu Gehör gebracht, was von den Zuhörern mit großem Beifall bedacht wurde. Ein bisschen Schade ist der Abschied schon, schließlich wurde hier meine musikalische Tätigkeit deutlich mehr geschätzt als in Deutschland, was wohl auch in gewisser Weise dem "Neuling-Effekt" zuzuschreiben ist, während man mich zu Hause wohl schon zum Inventar zählt.

Viele Grüße von der sonnigen aber windigen Insel

2.5.11 17:38
 



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